Australopithecinen: Frühe Menschheitsentwicklung


Australopithecinen: Frühe Menschheitsentwicklung
Australopithecinen: Frühe Menschheitsentwicklung
 
Vor fünf Millionen Jahren waren die Menschenaffen aus den sich immer weiter ausbreitenden Savannenlandschaften Afrikas verschwunden. An ihre Stelle traten in Süd- und Ostafrika allmählich die Australopithecinen, die »Vormenschen«, deren älteste Fundreste auf über 4 Millionen Jahre zu datieren sind. Grundsätzlich unterscheidet die Forschung bei den Individuen dieser Art zwischen solchen mit einer grazilen und solchen mit einer robusten Form.
 
Die Körperlänge der Australopithecinen betrug nur 110 bis 130 cm bei den Männchen, die Weibchen waren noch etwas kleiner. Die grazilen Formen waren mit 30 bis 40 kg Körpergewicht leichter als die robusten Formen (40 bis 60 kg). Alle Australopithecinen gingen aufrecht. Das zeigen die Lage des Hinterhauptlochs unter dem Schädel, die Form des Beckens und die X-Bein-Stellung der Oberschenkel. Einige Merkmale erinnern noch an die Menschenaffen: die besondere Form des Ellenbogengelenks, der Kamm des Darmbeins und die gekrümmten Fingerknochen. Daraus ist zu erschließen, dass diese bodenbewohnenden bipeden Individuen noch zum Klettern und Hangeln in den Bäumen befähigt waren. Der Stirnbereich der Vormenschen war nur wenig entwickelt, über die Augen griff ein kräftiger Wulst hinweg. Indiz für eine kräftige Kaumuskulatur sind weit vorspringende breite Kiefer (man spricht hier von starker »Prognathie«) und breite Jochbeine; ein Kinn fehlte. Das Hirnvolumen, häufig als Maßstab der Evolution des Menschen benutzt, liegt über demjenigen der Großen Menschenaffen und beträgt etwa 450 bis 650 cm3. Die Form des Kieferbogens ist bereits der menschlichen Form angenähert, also parabolisch bis halbkreisförmig. Die Zähne, besonders die Backenzähne, sind den menschlichen Zähnen sehr ähnlich. Die Größe der Schneidezähne wurde reduziert, da das Freiwerden der Hände die Zähne von verschiedenen Aufgaben befreite. Bei den robusten Australopithecinen fand eine Verbreiterung der Backenzähne statt, gleichzeitig entwickelten sich sehr breite und starke Kieferknochen sowie Knochenleisten an den Muskelansatzstellen am Schädel. Hierin dokumentiert sich eine Anpassung an die harte Pflanzenkost der offenen Graslandschaft. Im Gegensatz dazu waren die grazilen Australopithecinen Allesesser. Sehr wahrscheinlich nahmen sie außer pflanzlicher Kost auch tierische Nahrungsmittel zu sich: entweder in Form von Kleintieren, die gesammelt oder gefangen, oder in Form größerer Tiere, die gemeinschaftlich gejagt und erlegt wurden. Außerdem stand das Fleisch von Tieren zur Verfügung, die von Raubtieren gerissen oder beim Verenden angetroffen wurden.
 
Die stammesgeschichtliche Stellung der Hominidengattung Australopithecus wird im Einzelnen unterschiedlich interpretiert. Seit Mitte der Siebzigerjahre galten die Individuen der Art Australopithecus afarensis (benannt nach den Funden in der äthiopischen Afarsenke) als deren älteste Vertreter. 1994 wurden jedoch in Äthiopien Australopithecinenreste mit einem Alter von rund 4,4 Millionen Jahren (Art »ramidus«), 1995 in Kenia solche mit einem Alter von rund 4,2 Millionen Jahren (Art »anamensis«) gefunden. Wichtigster Einzelfund der grazilen Art afarensis ist ein 1974 von einem Forscherteam unter Donald C. Johanson entdecktes, auf ein Alter von 3,2 Millionen Jahren datiertes weibliches Skelett, bekannt geworden unter dem Namen »Lucy«. Mindestens 3,5 Millionen Jahre alt sind die »Fußspuren von Laetoli« in Tansania, ältestes Zeugnis zweibeiniger Fortbewegung als »Lebensspur«. — Vor etwas mehr als 3 Millionen Jahren entwickelte sich in Südafrika die durch Funde von Sterkfontein, Makapansgat und Taung nachgewiesene grazile Art »africanus« (ausgestorben spätestens 1 Million Jahre später), kurz danach in Ostafrika die nur für einen relativ schmalen Zeitraum belegbare robuste Art »aethiopicus«. Vor etwas mehr als 2 Millionen Jahren trat in Ostafrika die robuste Art »boisei« auf (zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung 1959 zunächst als Zinjanthropus bezeichnet), etwas später in Südafrika die Art »robustus« (Funde von Kromdraai und Swartkrans). Während die beiden Letztgenannten, die auch als »Paranthropus« bezeichnet werden, mit Sicherheit eine entwicklungsmäßige »Sackgasse« darstellen — sie lassen sich ab dem Zeitraum vor 1,5 bis 1,3 Millionen Jahren nicht mehr nachweisen —, könnten sich aus nordwärts gewanderten Vertretern der Art africanus oder aus denjenigen der Art afarensis vor etwa 2,5 Millionen Jahren der Homo habilis und dessen Verwandter, der Homo rudolfensis (benannt nach dem früher als Rudolfsee bezeichneten Turkanasee), entwickelt haben.
 
 Der Frühmensch: Homo habilis
 
In der Olduvaischlucht tauchten 1960 Hominidenreste auf, deren Alter auf 1,8 Millionen Jahre datiert wurde und die eine höher entwickelte Form als die zeitgleich noch existierenden Australopithecinen aufwiesen. Bei Koobi Fora am Turkanasee wurden weitere entsprechende Funde gemacht, deren Alter sogar rund 2,4 Millionen Jahre beträgt. Aufgrund der stark menschenähnlichen Anatomie und der Tatsache, dass diese Wesen mit Sicherheit bereits Geräte herstellten und nutzten, wurden sie von vielen Wissenschaftlern von den Vormenschen abgetrennt und der Gattung Homo als deren älteste Vertreter zugeordnet; als Bezeichnung für sie wählte man »Homo habilis« (»geschickter Mensch«). Die heterogene Homo-habilis-Gruppe, die in die Zeit vor 2,5 bis 1,6 Millionen Jahren anzusetzen ist, umfasst verschiedene Formen. Einige der jüngeren können bereits als frühe Vertreter des Homo erectus angesehen werden. Die vor allem in Ostafrika gefundenen Frühmenschen hatten größere, höher gewölbte Schädel als die Australopithecinen, einen größeren Gesichtsschädel, weniger robuste Kiefer, kleinere Zähne und eine nicht mehr so starke Prognathie. Ihr Hirnvolumen betrug zwischen 600 und 800 cm3. Die Bipedie war perfekt entwickelt.
 
Wie die Australopithecinen lebten die Frühmenschen vorwiegend in Feucht- und Baumsavannen. Dies waren Landschaften mit Galeriewäldern an den Flüssen, Niederungswäldern in Nähe der Seen, allgemein mit Baum- und Buschbeständen in Grasländern. Hier gab es neben Wasserstellen ein breites Nahrungsangebot: verschiedenste Früchte wie Beeren, Nüsse, Hülsen und Samen, Schösslinge, Knospen, Blüten, Blätter, unterirdische Knollen, Zwiebeln, Pilze, Amphibien und Reptilien, Eier, Nestlinge, Fische, Weichtiere, Insekten, Kleinsäuger, gerissenes und hinfälliges größeres Wild und dessen Jungtiere. Allerdings war zur Nutzung dieser Nahrungsquellen auch die Kenntnis ihres räumlichen und zeitlichen Auftretens notwendig.
 
Individuen, die über diese Kenntnisse verfügten und sie — mithilfe einfacher Geräte — nutzten, wurden durch die natürliche Selektion bevorteilt. Die aufrechte, zweibeinige Fortbewegungsweise, frei werdende Hände, Fingerfertigkeit und das Vorhandensein eines »Bewusstseins« waren hierbei von großer Bedeutung, wenn nicht sogar entscheidende Voraussetzungen. Die globale Abkühlung vor 2,5 Millionen Jahren hatte ebenfalls Bedeutung für die Entwicklung des Homo habilis. Sie führte zu einer Ausdehnung der Grasländer in den Baumsavannen und schuf damit die Voraussetzung für eine starke Zunahme der Pflanzenfresserherden. Die Nutzung dieses unermesslichen Nahrungsreservoirs führte beim Menschen aber auch zu größeren Anstrengungen. Zur notwendigen Abkühlung der Körper bildete sich deshalb das Schweißdrüsensystem heraus. Durch den Verlust des Haarkleides wurde die Transpiration über die Haut und über die gesamte Körperoberfläche möglich. Durch den höheren Flüssigkeitsbedarf entstand eine größere Abhängigkeit von Wasserstellen.
 
Homo habilis nutzte Aufenthaltsorte, die aufgrund von Grabungsbefunden als dauerhafte »Wohnplätze« gedeutet werden können. Hier blieben in großer Zahl Steingeräte und Nahrungsreste in Form zerschlagener Tierknochen zurück. An einigen Plätzen wurden offenbar Großsäuger zerteilt (»Fleischverwertungsplätze«), wie das z. B. eine 1,6 Millionen Jahre alte Fundstelle von Koobi Fora zeigt. Hier wurde mithilfe von Abschlägen aus Stein, die auch retuschierte, scharfe Kanten aufweisen, ein möglicherweise durch Trockenheit verendetes Flusspferd aufbereitet.
 
Besonders kennzeichnend für den ostafrikanischen Frühmenschen sind die 1,9 beziehungsweise 1,8 Millionen Jahre alten Geröllgerätfunde von Koobi Fora und aus der Olduvaischlucht, deren Herstellungsstil als »Olduvantechnik« (französisch Olduvanien) bekannt geworden ist.
 
 Der Urmensch: Homo erectus
 
Etwa vor 1,6 Millionen Jahren traten in Afrika die ersten Hominidenformen auf, die der Art Homo erectus zugewiesen werden können. Homo erectus war vermutlich der Erste in der Entwicklungsreihe des Menschen, der sich in verschiedenen Regionen der Alten Welt ausbreitete. Er durchlief eine relativ lange stammesgeschichtliche Entwicklung und verschwand erst vor etwa 300 000 Jahren. Sein Skelett unterscheidet sich von demjenigem des heutigen Menschen nur noch in wenigen Merkmalen, so im Fußskelett oder in der Haltung des Schädels nach vorn, die zeigt, dass der Schädel noch nicht vollständig senkrecht über der Wirbelsäule ausbalanciert war. Das führte zu einer starken Nackenmuskulatur und demzufolge zu einer charakteristischen Form des Hinterhauptes. Äffische Merkmale kommen nicht mehr vor.
 
Am stärksten vom heutigen Menschen unterscheidet sich noch der Schädel. Er hat einen zeltförmigen Querschnitt, ist lang gestreckt und niedrig, besitzt eine flach ansteigende Stirn, eine starke Einschnürung hinter der Augenregion, über dieser selbst einen kräftig vorspringenden Überaugenwulst (Torus supraorbitalis), der über der Nasenwurzel nicht unterbrochen ist. Das Hinterhaupt ist abgewinkelt statt gerundet wie beim modernen Menschen; es trägt einen kräftigen, quer verlaufenden Hinterhauptwulst (Torus occipitalis). Insgesamt ist der Schädel robust und dickwandig. Da noch kein Kinn ausgebildet ist, herrscht Prognathie vor. Der Zahnbogen und die Zähne haben die heutige Form, jedoch ist der Unterkiefer kräftiger und relativ breit. Einer starken Kaumuskulatur entsprechen seitlich am Schädel verlaufende Knochenleisten (Lineae temporales). Die frühen Vertreter des Homo erectus haben weniger robuste und markant ausgeprägte Merkmale als die späteren. Die Körpergröße des Homo erectus schwankte um 170 cm. Das Hirnvolumen der Frühformen betrug etwa 750 bis 1000 cm3, bei den späten Vertretern erreichte es bis zu 1250 cm3. Parallel zur Vergrößerung fand eine zunehmende Spezialisierung des Gehirns statt, was mit der Herausbildung und Entwicklung geistiger Fähigkeiten, abstrakten Denkens und der Sprache gekoppelt war.
 
Parallel hierzu verlief die Weiterentwicklung der Kultur, deren Anfänge beim Homo habilis sowie bei späten Australopithecinen in Form ständiger Werkzeugherstellung und -nutzung festgestellt werden konnten. Es ist anzunehmen, dass Nahrungsgewinnung und Nahrungsteilung als gemeinsame Aktionen in verstärktem Maße soziale Beziehungen begründeten. Zur Olduvantechnik kam vor etwa 1,5 Millionen Jahren als weitere Herstellungstechnik die nach einem Faustkeilfundort in Frankreich benannte Acheuléen-Industrie hinzu. Neben Steinartefakten als dem am besten erhaltungsfähigen Zeugnis menschlicher Kultur zeigen sich auf den Fundstellen mehr und mehr Siedlungsspuren. Diese enthalten in den Nahrungsüberresten in zunehmendem Maße zerschlagene Knochen von Großsäugern, ein Zeichen dafür, dass Homo erectus nun mit Sicherheit zur planvollen und gemeinschaftlich durchgeführten Jagd als einem effektiven Mittel der Nahrungsbeschaffung überging. Der Übergang zur Großwildjagd war später auch eine der Voraussetzungen, die dem Homo erectus die Erschließung kühlerer Klimagebiete ermöglichte. — Als Beleg gegen jene Hypothesen, die auch dem späten Vertreter des Homo erectus die Fähigkeit zum Jagen absprechen und behaupten, dass er sich nur mittels »Aasfressen« (scavenging) ernährt habe, kann die Erfindung und Verbesserung von zur Jagd geeigneten Gerätschaften angeführt werden. Außer auf die Spitze einer Eibenholzlanze, die bei Clacton-on-Sea in England gefunden wurde, sei hier auf die Aufsehen erregenden Neufunde von Schöningen im nördlichen Harzvorland hingewiesen. Dort wurden in etwa 350000 Jahre alten Ablagerungen am Ufer eines Sees unter zahlreichen Skelettresten von Wildpferden und Schlachtmessern aus Feuerstein mehrere gut und vollständig erhaltene Jagdwaffen aus Holz gefunden. Es sind an beiden Enden zugespitzte Wurfhölzer mit etwa 75 cm Länge sowie 2,3 m lange, äußerst exakt und schlank auslaufend zugespitzte Wurfspeere, deren Funktion als solche durch die Schwerpunktlage unterhalb der Mitte bewiesen wird.
 
Sehr bald lernte Homo erectus auch das Feuer kennen. Spätestens ab 500000 vor heute ist sein Gebrauch mit Sicherheit nachzuweisen, so bei Vértesszőlős (Ungarn), Zhoukoudian, Terra Amata in Südfrankreich, Bilzingsleben und Schöningen. Mit dem Feuergebrauch ist zum Teil auch der Nachweis von Strukturen auf den Lagerplätzen verbunden, die auf einfache kleine Wohnbauten zurückzuführen sind. So treten in Bilzingsleben in Verbindung mit Feuerstellen, Arbeitsplätzen und Aktivitätszonen ovale bis kreisförmige Grundrisse von Behausungen auf, wahrscheinlich zeltartiger Hütten mit drei bis vier Meter Durchmesser. Sie bezeugen die Fähigkeit des Homo erectus, sich eine eigene künstliche Mikroumwelt zu schaffen, die ihn bereits in gewissem Maße von den natürlichen Verhältnissen unabhängig machte. Verstärkte Arbeitsteilung und ein engerer Zusammenschluss der menschlichen Gemeinschaft waren die Folge. Es handelte sich auch nicht mehr um nur saisonal genutzte Rastplätze, sondern um längere Zeit besiedelte Lager im Mittelpunkt eines Jagd-und Sammeldistrikts. Spätestens ab jetzt spielte sich die menschliche Evolution mehr und mehr im Gehirn und in der soziokulturellen Sphäre ab. Mithilfe der neuen Erfahrungen und Erfindungen gelang es dem Menschen, sich in zunehmendem Maße an andere, ihm bis dahin fremde Umweltverhältnisse und Klimagebiete anzupassen (»kulturelle Adaption«). Zunächst erreichte er das gemäßigte Klimagebiet. Die genannte Fundstelle von Schöningen zeigt zum ersten Male die Anpassung an kühl-kontinentale Steppen.
 
Die höheren geistigen Fähigkeiten des Homo erectus sind in seinen zielstrebigen Handlungen zu erkennen. Sehr gut nachgewiesen werden konnten sie am Fundmaterial von Bilzingsleben, z. B. bei bestimmten Arbeitsabläufen und Verfahrensweisen zur Herstellung von Werkzeugen. Feststellen lässt sich hier eine funktionsgebundene Rohstoffauswahl und Formgebung der Werkzeuge. Arbeitsvorgänge zur Herstellung besonderer Geräte, beispielsweise eines hölzernen Speeres, liefen differenziert und komplex ab.
 
 Einzelne Funde des Homo erectus
 
Die afrikanischen Funde: Die ältesten Funde vom Homo erectus stammen vom Turkanasee in Kenia. Der erste entsprechende Fund (KNM-ER 3733) ist ein kompletter Schädel aus Koobi Fora an dessen Ostufer. Mitte der 1980er-Jahre wurde bei Nariokotome am Westufer das fast vollständige Skelett eines Jugendlichen entdeckt. Die auf etwa 1,6 Millionen Jahre datierten Fossilien werden in der Forschung als »Turkana Newcomer« oder »Homo ergaster« bezeichnet. Während diese Funde weniger robuste Merkmale besitzen, sind sie bei einem Schädel aus der Olduvaischlucht, dessen Alter etwa 1,2 Millionen Jahre beträgt, besonders kräftig ausgebildet: mächtiger Überaugenwulst, starker Hinterhauptswulst, leistenförmig hervortretende Lineae temporales, starke postorbitale Einschnürung des Schädels; er ähnelt damit mehr den robusten asiatischen Formen. Jüngere Funde vom Homo erectus wurden von Swartkrans (Südafrika), von Gomboré in Südäthiopien und aus den oberen Schichten von Olduvai bekannt. Sie sind zwischen 800000 und 600000 Jahre alt. Der Schädel von Ndutu aus Tansania hat ein Alter von 450000 Jahren. Auch in Nordafrika existierte Homo erectus. Während die bei Ternifine in Algerien zusammen mit Faustkeilen gefundenen Fossilien (»Atlanthropus«) ein Alter von möglicherweise bis zu 900000 Jahren besitzen, sind die Funde in Marokko (Sidi Abderrahman und Salé) erheblich jüngeren Datums.
 
Die asiatischen Formen des Homo erectus haben einige Merkmale, die sie von den afrikanischen Funden unterscheiden. So tritt allgemein eine größere Robustheit auf, die Überaugenwülste springen weiter vor, das Hinterhaupt ist flacher abgewinkelt, der Schädel länger gestreckt und ein Scheitelkiel ist ausgebildet. Nach der Entdeckung des Pithecanthropus wurden auf Java weitere Hirnschädel und Kieferfragmente geborgen. Überwiegend zwischen 750000 und 450000 Jahre alt, sollen einige Funde — so in den ältesten Schichten von Sangiran — etwas mehr als 1 Million Jahre alt sein. Entsprechend werden die 1963/64 bei Lantian in der ostchinesischen Provinz Shaanxi entdeckten Homo-erectus-Reste datiert. Jünger sind die Funde aus der bei Peking gelegenen Höhle von Zhoukoudian. Die hier zwischen 1928 und 1966 entdeckten Reste von mehr als 40 Individuen des Homo erectus pekinensis sind sicher belegbar für die Zeit vor 500000 bis 300000 Jahren. Als späte Vertreter des Homo erectus anzusehen sind neben den Individuen in den oberen Schichten von Zhoukoudian die Funde von Sambungmachan und Ngandong auf Java. Im indischen Gliedstaat Madhya Pradesh wurde am Narmadafluss bei Hathnor ein menschlicher Schädel entdeckt, der Merkmale eines Homo erectus zeigt.
 
Die europäischen Funde: Seit seiner Entdeckung 1907 galt lange Zeit allgemein der Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg als der älteste europäische Fund eines Homo erectus. Das Alter dieses als Heidelbergmensch bezeichneten Individuums wird auf etwa 550 000 bis 630 000 Jahre datiert. 1995 wurden jedoch im nordspanischen Atapuerca Knochenteile von vier Hominiden gefunden, deren Alter auf 780 000 Jahre geschätzt wird, einige Jahre früher wurde — eine noch größere Sensation — im Kaukasus von einem deutsch-georgischem Forscherteam ein Fund aufgedeckt, der, wenn seine Datierung von 1,6 Millionen Jahren stimmt, eine bereits sehr frühe Auswanderung des Homo erectus aus Afrika nachweisen ließe. Es handelt sich hierbei um einen Unterkiefer, der bei Dmanisi in Georgien zusammen mit relativ weiter entwickelten Artefakten aus Abschlägen und Großsäugerresten gefunden wurde. Selbst wenn sich die Datierung dieses Fundes als zu früh erweisen sollte, so scheint es doch wahrscheinlich zu sein, dass Europa direkt von Afrika aus wie auch über die vorderasiatische Landbrücke besiedelt worden ist. Um einiges jünger als die Funde von Mauer sind in jedem Fall diejenigen von Tautavel (Südfrankreich) und Vértesszőlős (Ungarn) mit einem Alter von etwa 450 000 Jahren. Aus der Zeit zwischen 400 000 und 350 000 Jahren vor heute stammen die Funde von Bilzingsleben (heute Kreis Sömmerda, Thüringen). Es handelt sich hierbei um insgesamt 23 Schädelfragmente und sieben Zähne. Alle diese Reste stammen von mindestens zwei Schädeln, die hier auf einem als Heimbasis gedeuteten Lagerplatz zertrümmert wurden. Die Funde von Bilzingsleben stimmen metrisch und morphologisch unter anderem mit den Schädeln Pithecanthropus VIII (Fundort Sangiran) und Sinanthropus III (Zhoukoudian) überein. Die Kultur, die Bilzingsleben mit Vértesszőlős, Tautavel sowie solchen Fundorten verbindet, bei denen sich keine menschlichen Reste fanden (zum Beispiel Schöningen, Stuttgart-Bad Cannstatt, Isernia la Pineta in Italien), weist in ihren Besonderheiten nach Asien.
 
 Frühe Formen des Homo sapiens
 
In den Verbreitungsgebieten des Homo erectus traten vor 300 000 bis 100 000 Jahren Formen des Menschen auf, die sich bereits in zahlreichen Merkmalen vom Homo erectus unterscheiden und dem heutigen Menschen näher stehen. Sie werden als frühe oder archaische Formen des Homo sapiens oder als »Präsapiens« bezeichnet. Die verbindenden allgemeinen Merkmale sind der nun relativ hoch gewölbte Schädel mit Hirnvolumina von etwa 1150 bis 1350 cm3, eine geringere Einschnürung des Schädels hinter der Augenregion, ein reduzierter Überaugenwulst und nur schwach ausgebildeter oder fehlender Hinterhauptswulst. Hinsichtlich der kulturellen Erscheinungen sind diese frühen Sapiensformen mit Steingerätvorkommen der mittleren Altsteinzeit verbunden, so mit dem entwickelten Acheuléen in Afrika, Europa und Vorderasien sowie mit entsprechenden Abschlagkulturen in Asien. Alles, was über die Entwicklungshöhe des späten Vertreters des Homo erectus gesagt wurde, besonders hinsichtlich seiner Wirtschaftsweise und Kultur, seines sozialen Zusammenlebens und seiner Intelligenz, muss in noch stärkerem Maße auch für den frühen Homo sapiens gelten.
 
Die afrikanischen Funde: Einer sehr frühen Gruppe scheinen die aus dem südlichen Afrika stammenden, 350 000 Jahre alten Funde von Broken Hill und Saldanha zuzugehören. Einerseits zeigen sie noch deutliche morphologische Merkmale, wie sie für den Homo erectus typisch sind, andererseits tendieren sie mit ihrem höheren Hirnvolumen zum Homo sapiens. Etwas jüngere Funde stammen von Eyasi und von Rabat (Nordafrika), ein Schädel von Bodo in Südäthiopien. Auch diese lassen neben Sapiensmerkmalen noch solche des Homo erectus erkennen, wie fliehende Stirn und starke Überaugenwülste. Gleiches gilt für weitere Präsapiensfunde, die zwischen 150 000 und 100 000 Jahren vor heute einzuordnen sind und aus Südafrika (Cave of Hearth und Florisbad in Transvaal) sowie Ostafrika (Turkanasee, Laetoli, Omo) stammen. Es ist anzunehmen, dass sich aus diesen archaischen Formen der moderne Homo sapiens entwickelt hat. Dieser lässt sich immerhin bereits ab etwa 90 000 vor heute mit Schädel- und Skelettresten nachweisen, so im Omogebiet, in Südafrika (Klasies-River-Mouth-Höhlen und Border Cave) und in Nordafrika (Djebel Irhoud).
 
Die asiatischen und australischen Funde: Auch in Asien zeigen die frühen Sapiensformen noch Merkmale des Homo erectus. Das wird besonders anhand des Schädels von Dali (Nordchina) deutlich, der in die Zeit um 200 000 vor heute datiert wird. Er hat einen massiven Überaugenwulst, eine niedrige, flache Stirn und ein abgewinkeltes Hinterhaupt. Dasselbe gilt für Schädel- und Kieferreste, die zusammen mit Steingeräten aus Abschlägen und zerschlagenen Tierknochen bei Xuiayao in Nordchina gefunden wurden und etwa 125 000 Jahre alt sind. Als Sapiensmerkmale dieser Schädel gelten z. B. geringere postorbitale Einschnürung und ein relativ hohes Hirnvolumen. Ein weiterer wichtiger Fund ist der Schädel von Mapa in Südchina. Funde des modernen Homo sapiens, die in die letzte Eiszeit datiert werden, kamen in der oberen Höhle von Zhoukoudian und an einigen anderen Fundorten zum Vorschein. Dass sich diese modernen Formen aus dem Homo erectus über die archaischen Sapiensformen entwickelt haben, zeigen einige ihrer Schädelmerkmale, die an den Homo erectus erinnern, so vor allem hohe Wangenknochen und schaufelförmige Schneidezähne.
 
In Südostasien ist die Entwicklung vom Homo erectus zum Homo sapiens noch deutlicher zu sehen. Die Schädelfunde von Ngandong, die bereits oben angeführt wurden, nehmen dabei eine vermittelnde Stellung ein. An sie schließt offenbar direkt der moderne Mensch an. Dieser ist durch die Funde von Wajak auf Java und die der Niah-Höhle auf Borneo vertreten. Jene sind etwa 150 000, diese 40 000 Jahre alt. Die Funde von Wajak haben große Ähnlichkeit mit den Eingeborenen Australiens. Eine Besiedlung des australischen Kontinents durch den Homo sapiens wird für die Zeit vor etwa 40 000 Jahren angenommen, die ältesten Menschenfunde (Brandbestattungen am Ufer des verlandeten Mungosees) stammen jedoch erst aus der Zeit um 30 000 v. Chr. Es handelt sich hierbei um dünnwandige Schädel mit gerundetem Hinterhaupt, schwachen Überaugenbögen und prognathen Gesichtern.
 
Die europäischen Funde: Als frühe Formen des Homo sapiens kommen vor allem die Schädelfunde von Steinheim und Swanscombe in Betracht. Beide sind etwa 300 000 Jahre alt und stammen aus warmzeitlichen Ablagerungen. Sie unterscheiden sich in ihrer Form vom vorausgehenden späten Homo erectus durch den hohen, gerundeten Schädel. Doch kommen noch starke Überaugenbögen und die prognathe Form der Kiefer vor. Ein Scheitelbein aus der Grotte de Lazaret bei Nizza gehört ebenfalls in diese Gruppe. Etwas jünger, nämlich etwa 200 000 Jahre alt, sind die Funde von Weimar-Ehringsdorf, von Biache in Nordfrankreich, Pontnewydd in Südostwales und Azych im Kaukasus. In Ehringsdorf wurden in Kulturschichten mit Artefakten der mittleren Altsteinzeit Reste mehrerer Individuen gefunden, darunter der Torso eines Kindes. Nach neuen Untersuchungen sind diese Funde einem frühen Vertreter des Homo sapiens zuzuordnen. Eine umstrittene Stellung hat ein Schädel, der in der Höhle von Petralona bei Saloniki gefunden wurde. Er gehört etwa in die Zeit um 300 000 vor heute und hat trotz altertümlichen Aussehens Merkmale, die ihn in die Nähe der Gruppe der noch zu besprechenden Neandertaler bringen. Einer weit jüngeren Gruppe sind Schädel und Kiefer der Fundstellen Fontéchevade (französisches Département Charente), Gánovce in der Slowakei und Taubach bei Weimar zuzurechnen. Sie umfasst etwa den Zeitraum von 130 000 bis 100 000 vor heute.
 
Besondere Verhältnisse ergaben sich für die Entwicklung des Menschen und seiner Kultur im Kontaktgebiet Eurasiens mit den nördlichen, kühleren Klimazonen und ihrer Verschiebung nach Süden während der Kaltzeiten. Diese Klimaveränderungen beeinträchtigten besonders die mittleren und westlichen Teile Europas sowie die mittleren Breiten Asiens. Hier kam noch die Vergletscherung der Hochgebirge und des tibetischen Hochlandes dazu. Während der Kaltzeiten mit ihren Vereisungen waren weite Teile dieser Landschaften kaum bewohnbar. Frostschuttwüsten, Tundren und Kältesteppen boten keine günstigen Lebensbedingungen. Ein Ausweichen der Menschengruppen war nur in die nördlichen Mittelmeergebiete, nach Südosteuropa und in die südlichen Teile Ostasiens möglich. Im Kontakt mit dieser Reizsituation gelang es dem Menschen, sich nach und nach auch an diese unwirtlichen und lebensfeindlichen Umweltverhältnisse anzupassen. Zum ersten Male lässt sich eine solche Anpassung an der Fundstelle von Schöningen nachweisen. Hier ging Homo erectus in kontinentale Wald- und Wiesensteppen und spezialisierte sich mit hölzernen Jagdwaffen auf die Wildpferdjagd. Kenntnis der Feuernutzung, Errichtung von Wohnbauten und sicher auch einfache Kleidung waren weitere Voraussetzungen für eine solche Anpassung, die später teilweise sogar bis in die arktischen Klimaräume führte.
 
 Der Neandertaler in Europa und den angrenzenden asiatischen Gebieten
 
In Europa bildete sich eine besondere Form des Homo sapiens heraus, der Neandertaler. Eine der Ursachen hierfür war sicher die isolierte geographische Lage des Kontinents. Unter den Präsapiensformen Europas gibt es verschiedene Funde, die auf diese Entwicklung hinweisen, so der Schädelfund von Petralona und jene oben genannten Funde aus der Zeit zwischen 130 000 und 100 000 vor heute. An sie schließen Funde an, die als Präneandertaler bezeichnet werden, wie diejenigen von Saccopastore (Italien), Gibraltar und Krapina (Slowenien), wo über 600 menschliche Skelettreste gefunden wurden. Ihnen folgt in der Zeit von 70 000 bis 35 000 vor heute der »klassische« Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis), von dem vor allem in Westeuropa zahlreiche Funde, darunter auch vollständige Skelette, bekannt geworden sind; sicher auch deshalb, weil der Neandertaler zur Bestattung seiner Toten in Höhlen überging. Wichtige Fundstellen außer dem Neandertal bei Düsseldorf sind: La Chapelle-aux-Saints (entdeckt 1908), La Ferrassie, La Quina, Le Moustier (alle in Frankreich), Naulette, Engis und Spy (Belgien), Monte Circeo (Italien), Gibraltar und Bañolas (Spanien). Aber auch das östliche Mitteleuropa hat Funde geliefert, z. B. Šipka und Ochoz in Mähren, Subalyuk in Ungarn, Vindija in Kroatien. Schließlich wurden Neandertalerbestattungen auf der Krim (Kiik Koba, 1924) und in Usbekistan (Höhle von Teschik-Tasch, 1938) angetroffen. Aus der Levante stammen die umfangreichen Skelettfunde von Mugharet et-Tabun, Kebara und Amud (alle Fundstätten in Nordisrael), aus dem Irak die von Shanidar.
 
Insgesamt war der Skelettbau des Neandertalers robuster als beim modernen Menschen. Sein Hirnschädel war länger nach hinten gestreckt, die Stirn weniger hoch, was durch kräftige Überaugenwülste betont wurde. Typisch ist eine Vertiefung über dem Hinterhaupt (Lambda-Depression) sowie eine insgesamt deutliche Vorwölbung der gerundeten Hinterhauptsregion. An ihr ist noch eine leichte Torusbildung zu beobachten. Das Gesicht war lang und prognath, die Augenhöhlen groß, die Nasenöffnungen breit. Der Schädelinhalt (Hirnvolumen) erreichte relativ hohe Werte von 1250 bis 1650 cm3. Die Körperhöhe betrug 155—165 cm in Europa und 155—175 cm bei den Funden im Nahen Osten. Beim modernen Homo sapiens beobachten wir demgegenüber einen insgesamt kürzeren Schädel, dessen Rundung am Hinterhaupt noch höher und idealer ausgebildet ist, der eine hohe Stirn besitzt und dem die Überaugenbögen und die Prognathie fehlen. So ist ein Kinn ausgebildet, die Nasenöffnungen sind schmaler, die Augenhöhlen kleiner.
 
Der Neandertaler lebte während der letzten großen Kaltzeit. In den mittleren Breiten Europas entstanden Waldsteppen und offene Grasländer unter dem Einfluss kühleren, kontinentalen Klimas. Zeitweise führte die Klimaänderung zu Tundren und kalt-kontinentalen Lösssteppen. Diesen Verhältnissen passte sich der Neandertaler an. Die Feuernutzung wurde für ihn zur Selbstverständlichkeit. In den offenen Steppen errichtete er große, zeltartige Wohnbauten mit Feuerstellen im Inneren, wie das Funde von Molodowa in der Ukraine zeigen. In Westeuropa besiedelte er die großen Schutzdächer von Felswänden (Abris), die die Talhänge begleiten. Grundlage der Ernährung war die Jagd. Spezialisierung auf bestimmte Jagdtiere unter den großen Pflanzenfressern der Steppen war notwendig, so auf Wildpferde und Wildrinder, auch auf Mammute und Nashörner. Die kulturellen Erscheinungen, vor allem die verschiedenen Artefaktgruppen, die der Neandertaler hinterließ, werden als »Moustérienkomplex« zusammengefasst. Dieser war, wie auch die Skelettfunde zeigen, von Westeuropa über Mittel- und Südeuropa bis nach Mittelasien hinein verbreitet, der Siedlungsschwerpunkt lag im westlichen und mittleren Europa. Innerhalb des Moustérien hebt sich eine Gruppe ab, die durch andere Gerätetypen und -ensembles gekennzeichnet ist, z. B. die »Keilmesser«. Sie hat ihren Verbreitungsschwerpunkt im östlichen und südlichen Mitteleuropa sowie in Osteuropa. Möglicherweise ist diese Gruppe bereits mit Formen des modernen Homo sapiens verbunden. Der Fund eines Kinderschädels von Staroselje auf der Krim weist darauf hin. Möglich erscheint, dass seit Beginn der letzten Eiszeit von Vorderasien her die modernen Sapiensformen allmählich Europa besiedelt haben. Entsprechende Individuen treten bereits zwischen 100000 und 80000 vor heute auf, wie die grazilen Skelettfunde vor allem von Skhul und Djebel Kafza in Nordisrael zeigen.
 
 Der Homo sapiens sapiens
 
Spätestens um 40 000 v. Chr. — zu Beginn der jüngeren Altsteinzeit (»Jungpaläolithikum«) — traten an allen Stellen der Alten Welt, wo Evolutionslinien des Menschen feststellbar sind, darüber hinaus etwas später auch in den nun durch »Einwanderung« erschlossenen Kontinenten Australien und Amerika, Menschen unserer heutigen Art auf. Die Theorie der »multiregionalen Entwicklung« des modernen Menschen geht davon aus, dass Homo erectus im Zuge einer frühen Verbreitung von Afrika aus das gleiche genetische Material in die verschiedenen Regionen gebracht und sich durch regional jeweils ähnliche evolutive Veränderungen (belegt durch entsprechende paläontologische Befunde) über späte Homo-erectus-Formen oder deutlich sich abzeichnende Präsapiensformen allmählich hin zum Homo sapiens entwickelt habe. Da zwischen den einzelnen Populationen ein permanenter Genaustausch stattfand, blieb der Mensch als einheitliche Spezies bestehen. Eine andere Annahme (»Arche-Noah-Modell« oder »Monogenese-Modell«, »Eva-Theorie«) geht davon aus, dass der Homo sapiens etwa vor 200 000 Jahren in Afrika entstanden sei, sich von da über den Rest der Welt ausgebreitet und alle anderen Entwicklungsformen des Menschen verdrängt habe. Die Vertreter dieser Richtung folgern aus Genanalysen der heutigen Bevölkerung, dass das Evolutionsmuster der DNA von Mitochondrien (für den Energiestoffwechsel zuständige Zellorganellen) bis zu einer einzigen Frau (»Eva«) zurückzuverfolgen sei. Wir geben hier der Annahme einer multiregionalen Entwicklung den Vorzug, da sie die kontinuierliche kulturelle und ökonomische Entwicklung in den verschiedenen Teilen der Welt einleuchtender erklären kann.
 
Da die Homo-sapiens-Funde — nun weltweit flächendeckend — unübersehbar sind, wollen wir uns abschließend auf die für West- und Mitteleuropa bedeutenden beschränken. Es sind diejenigen, die nach einem Fundort von Totenbestattungen im Vézèretal (Südwestfrankreich) als »Cro-Magnon-Menschen« bezeichnet werden. Derartige Bestattungen sind mit den verschiedenen Kulturen der jüngeren Altsteinzeit verbunden (in zeitlicher Reihenfolge Châtelperronien und Sungirkultur, Aurignacien, Gravettien und Solutréen, Magdalénien), neben dem Fund von Cro-Magnon sind besonders bekannt geworden: in Frankreich das auf 34 000 Jahre geschätzte männliche Skelett von Combe-Capelle (Département Dordogne) und das weibliche Skelett von Abri Pataud (ebenfalls Département Dordogne); in Italien die Funde in den Grimaldigrotten bei Mentone; in Deutschland Kelsterbach und Oberkassel bei Bonn; in der Tschechischen Republik Předmostí und Dolní Věstonice; in Russland Sungir (bei Wladimir) und Kostjonki (bei Woronesch).
 
Der jungpaläolithische Mensch erreichte während der kalt-trockenen Bedingungen gegen Ende der letzten Eiszeit die vollkommene kulturelle und ökonomische Anpassung an die arktischen Landschaftsräume. In der Bearbeitung von Stein, Knochen, Geweih und Elfenbein bewies er höchste Fertigkeit. Das fand dann auch seinen Ausdruck in zusammengesetzten Geräten, in Wurfspeeren und -pfeilen, die mit einer Speerschleuder geworfen wurden, in der Erfindung von Pfeil und Bogen, komplizierter Fallen und anderer Jagdmethoden. Die Jagd war die vorherrschende Methode zur Nahrungsbeschaffung. Die Nahrung wurde mittels Kochsteinen gegart, einfache Konservierungsverfahren und Vorratswirtschaft wurden angewandt. Neben Zelten diente eine spezialisierte Kleidung mit Schmuckbesatz als Schutz vor den Klimaverhältnissen. Künstlerische Erzeugnisse wie mobile Kleinkunst und Felsmalereien dienten dem Kult, dem Ritus und der Magie. Mythologische Vorstellungen spielten bereits eine Rolle. Im Verlauf der jüngeren Altsteinzeit entwickelte sich eine auf Kleinfamilien und Sippen organisierte Gesellschaft.
 
Dr. habil. Dietrich Mania
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Primaten: Die stammesgeschichtliche Entwicklung
 
 
Campbell, Bernard: Ökologie des Menschen. Unsere Stellung in der Natur von der Vorzeit bis heute. Neuausgabe Frankfurt am Main u. a. 1987.
 
Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas, herausgegeben von Barry Cunliffe. Aus dem Englischen von Klaus Binder u. a. Frankfurt u. a. 1996.
 Johanson, Donald C. / Edey, Maitland A.: Lucy. Die Anfänge der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Hans-Jürgen von Koskull. Neuausgabe München u. a. 21994.
 Lamarck, Jean-Baptiste de: Zoologische Philosophie. Neu bearbeitet von Susi Koref-Santibaez. Kommentiert von Ilse Jahn. 3 Bände. Leipzig 1990-91. Französische Originalausgabe 1809.
 Leakey, Richard R. / Lewin, Roger: Der Ursprung des Menschen. Auf der Suche nach den Spuren des Humanen. Frankfurt am Main 21993.
 Lewin, Roger: Spuren der Menschwerdung. Die Evolution des Homo sapiens. Heidelberg u. a. 1992.
 Trinkaus, Erik / Shipman, Pat: Die Neandertaler. Spiegel der Menschheit. München 1993.

Universal-Lexikon. 2012.

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